Qigong-Lehrer Hui Yu

Geschichten zum Nachdenken

Ein Mann verliert sein Pferd. Wer weiß, ob das Glück ist?
(Ein chinesisches Sprichwort)

Es lebte ein Mann mit seinem Sohn in einem Dorf. Er besaß ein Pferd. Eines Tages riss das Pferd aus und lief weg. Er verlor seinen einzigen Besitz. Die Dorfbewohner kamen und bedauerten den Mann: „Oh, das ist schrecklich!“. Der Mann sagte: „Wer weiß, wofür das gut ist?“

Nach ein paar Tagen kehrte das Pferd wieder zurück und brachte noch ein wildes Pferd mit. Auf einmal war er ein reicher Mann. Die Dorfbewohner kamen und gratulierten dem Mann: „Oh, was für ein Glück!“. Der Man sagte: „Wer weiß, ob das Glück ist?“

Der Sohn des Mannes wollte auf dem wilden Pferd reiten. Er fiel runter und brach sich die Beine. Der Sohn konnte nicht mehr auf dem Feld arbeiten. Die Dorfbewohner kamen und bedauerten den Mann: „Oh, was für ein Unglück!“. Der Mann sagte: „Wer weiß, wozu das gut ist?“

Ein paar Tage später zog der König in den Krieg mit dem benachbarten Volk. Die Soldaten kamen ins Dorf und holten alle jungen Männer zum Kriegsdienst ab. Da der Sohn sich die Beine gebrochen hatte, wurde er verschont.

Der weise Mann Lehrt uns, dass wir nicht voreilig urteilen sollen. Denn unser Urteil kommt immer aus einer begrenzten Sicht heraus. Jede Situation ist nur ein kleiner Ausschnitt einer unendlichen Abfolge. Wir können nie die Ganzheit einer Sache erfassen. Alles ist unzertrennlich miteinander verbunden. Oft stellt sich im Nachhinein heraus, wofür ein Ereignis gut ist. Und aus der Ganzheit heraus gibt es auch kein „gut“ oder „schlecht“. Alles ist Teil von Ursache und Wirkung.

 

zhineng qigong hui yu

 

Vater, Sohn und Esel

nach Hodscha Nasreddin

In der glühenden Mittagshitze zogen ein Vater, sein Sohn und ein Esel durch die staubigen Gassen einer Stadt. Der Vater saß auf dem Esel, während der Junge daneben herging. Da sagte ein Vorübergehender: „Der arme Junge. Seine kurzen Beine können mit dem Tempo des Esels kaum mithalten. Wie kann ein Vater so faul auf dem Esel sitzen, während der Junge vom Laufen ganz müde wird.“

Der Vater beherzigte diese Worte und setzte seinen Sohn auf den Esel. Bald darauf kam ein anderer Mann vorbei und rief: „So eine Unverschämtheit. Der Bengel sitzt wie ein Sultan auf dem Esel, während sein armer, alter Vater nebenher läuft.“

Dies schmerzte der Jungen, der daraufhin den Vater bat, sich hinter ihn auf den Esel zu setzen. Bald darauf rief eine vorbeigehende Frau entrüstet aus: „Hat man so etwas schon gesehen? So eine Tierquälerei! Der Rücken des armen Esels hängt völlig durch, und der alte und der junge Nichtsnutz ruhen sich auf ihm aus, als wäre die arme Kreatur ein Diwan!“

Daraufhin stiegen Vater und Sohn wortlos vom Esel herunter, nahmen das Tier in ihre Mitte und gingen rechts und links daneben her. Kurze Zeit später machte sich ein Fremder über sie lustig: „So dumm möchte ich ja im Traume nicht sein. Wozu führt ihr denn den Esel spazieren, wenn er nichts leistet, euch keinen Nutzen bringt und nicht einmal einen von euch trägt?“

Vater und Sohn sahen einander wortlos an, dann packte der Vater den Esel bei den Vorderbeinen, der Sohn nahm ihn bei den Hinterbeinen, und so trugen sie beide ihren Esel für den Rest des Weges.

Die Geschichte lehrt uns, dass wir es nicht jedem recht machen können, selbst wenn jeder aus seiner Sicht Recht haben könnte. Wenn man versucht, es jedem recht zu machen, dann vergisst man zum Schluss sich selbst. Jeder hat eine andere Sicht auf die Dinge, weil jeder anders ist. Aber es ist wichtig, eine eigene Meinung zu haben und diese nach außen zu vertreten ohne Angst vor negativen Reaktionen. Noch viel wichtiger ist es, sich selbst treu zu bleiben und durch eigene Entscheidungen aus Fehlern zu lernen und wichtige Erfahrungen für das Leben zu sammeln. Erst wenn wir eigene Entscheidungen treffen, die wir aufgrund unserer Prägung persönlich für richtig oder falsch halten, können wir das Ergebnis, die Konsequenz unserer Entscheidungen und Handlungen wirklich erfahren, reflektieren, überdenken und ggf. ändern und uns auf diese Weise weiterentwickeln. Aus Sicht eines Praktizierenden soll der Fokus des Lebens immer darauf gerichtet sein zu lernen, um sich persönlich weiterzuentwickeln.

„Sag es mir und ich werde es vergessen.
Zeig es mir und ich werde mich daran erinnern.
Lass es mich tun, dann werde ich es können.“
(Konfuzius)